Show, don't tell!
von A.R.T.
Von den Amis (mal wieder) haben wir folgenden Spruch:
Show, don’t tell!
Also: Nicht sagen, sondern zeigen!
Worauf sich das bezieht? Sehen wir uns mal folgendes Beispiel an:
Harry Potter war ein kleiner Junge, der eine blitzförmige Narbe auf der Stirn hatte. Er hatte seine Eltern verloren und war deswegen als Säugling von seiner gemeinen Tante Petunia aufgenommen worden, die ihn zusammen mit ihrem Mann Vernon und dem Sohn Dudley aufgezogen hatte, ihn aber nie wie einen Sohn behandelt hatte.
So etwas passt vielleicht unter die Kategorie Charakterisierung, gehört aber mit Sicherheit nicht in einen Roman. Diese Art von Erzählung ist das tell.
Hätte J. K. Rowling ihren Roman also quasi berichtet, wäre er wohl kaum eines der erfolgreichsten Bücher überhaupt geworden. Was hat sie stattdessen gemacht? Sie hat die Charaktereigenschaften in die Handlung eingebunden.
Zum Beispiel wissen die Leser, dass Petunia und Vernon nicht Harrys wahre Eltern sind, weil Rowling zeigt, wie er von Hagrid in die Ligusterstraße 4 gebracht wird. Dass sie Harry schlecht behandeln, zeigt sich gleich in der nächsten Szene, ohne dass Rowling es direkt sagt.
Und das ist das show.
Warum also nun show und nicht tell? Weil der Leser das Buch sofort weglegt, wenn er reine Beschreibungen liest. Durch Szenen, also ganze Bilder, durch die die Züge der Figur aufgezeigt werden, wird das ganze nicht nur spannender, die Geschichte kommt auch noch voran.
Show, don’t tell bezieht sich auch auf Ortsbeschreibungen.
Das große Haus war von innen lange nicht so vornehm, wie es von außen wirkte. Der Fußboden war morsch, überall roch es nach Moder, die Fenster klapperten und Staub war überall.
Eine solche geballte Ladung an Informationen ohne Handlung nennt man in einem Roman/einer Geschichte Infodump. Wie kann man es besser machen? Auch hier, indem man die Eigenschaften des Ortes in die Handlung einbindet.
Enttäuscht sah sich Mel in dem großen Haus um. Es war nicht annähernd so vornehm, wie es von außen wirkte. Kaum kamen ihre Füße am Boden auf, wirbelten dichte Staubwolken auf, der Wind fuhr durch das ganze Haus und ließ die alten Fenster klappern. Mel fröstelte. Sie lief zur Tür, um die Küche zu finden, und mit jedem ihrer Schritte knarrten die alten Dielen. Sie hustete; der allgegenwärtige Geruch nach Moder verdarb ihr die Luft in den Lungen.
Der Leser wird nicht nur mehr angesprochen, er kann sich zudem auch leichter ein Bild machen - Menschen prägen sich Bilder am Schnellsten ein! - weil es ein Ganzes wird und ihm nicht mehr nur einfache Fakten hingeknallt werden. Damit kann er nichts anfangen und langweilt sich schnell.
Das ist die Bedeutung von show, don’t tell, einem sehr einfachen, aber praktischen Ratschlag. Denkt dran: Bilder kann man auch mit einfachen Buchstaben erzeugen.
