"Lycidas" von Christoph Marzi
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"Lycidas" von Christoph Marzi(Rezension von Caro) |
Glaubt ihr an sprechende Ratten? Haltet ihr es für möglich, von einem Heer Lehmgolems, Riesenspinnen, Werwölfe und ägyptischer Gottheiten mitten in der Nacht überfallen und verschleppt zu werden? Nein? Nun, spätestens, wenn ihr euch Christoph Marzis Erstlingswerk "Lycidas" rund um die Abenteuer des Waisenmädchens Emily Laing zu Gemüte geführt habt, werdet ihre eure Meinung ändern.
Gleich zu Beginn des Roman entführt der Autor seine Leser in ein archaisch anmutendes London des 20. Jahrhunderts. Hier lebt das Waisenkind Emily Laing in dem berüchtigten Waisenhaus von Rotherhithe, welches von dem unerbittlichen Reverend Dombey und dessen ebenso skrupellosen Sohn geleitet wird. Durch die Hilfe einer sprechenden Ratte aus den Fängen der Anstalt befreit, findet sich das Mädchen unerwartet in der Gesellschaft des mürrischen Alchemisten Wittgenstein wieder. Dieser nimmt sich seiner an und führt es ohne Umschweife in die Geheimnisse der Uralten Metropole, der Stadt unterhalb Londons, ein. Auf der Suche nach der eigenen Identität lernt Emily eine Welt voller dunkler Gänge, vermeintlich längst von der Bildfläche verschwundener Kreaturen wie Irrlichtern, Lykanthropen und Rattlingen, und die Geheimnisse der Stadt unter der Stadt kennen. Einem Ort, an dem die Zeit eigenen Regeln zu folgen scheint. Je länger Emily in der Gesellschaft des Alchemisten und dessen Bekannten, der Elfe Maurice Micklewhite, verbringt, desto mehr scheint sie in den seit Jahrhunderten wütenden Kampf der beiden verfeindeten Häuser von Mushroom und Manderley verstrickt zu werden. Das Auftauchen des ominösen Lycidas reißt die kleine Gemeinschaft in einen Strudel wilder Ereignisse hinein. Mehr als einmal muss Emily um ihr Überleben kämpfen. Letztendlich stellt sich die eine Frage: welche Rolle spielt sie selbst in diesem Krieg und was hat es mit dem kleinen Mädchen Mara auf sich, um welches sich beide Parteien ohne Rücksicht auf Verluste bekriegen.
In einem Feuerwerk phantasievoller Ideen verwebt Christoph Marzi in seinem Debutroman die alten Mythen Griechenlands und Ägyptens mit längst in Vergessenheit geratenen Kreaturen der Sagenwelt. Sprachgewaltig versteht er es, sich einer Vielzahl literarischer Vorbilder von John Milton über Charles Dickens, Robert Louis Stevenson aber auch zeitgenössischer Autoren wie Neil Geiman zu bedienen. In einer rasanten Irrfahrt durch die Schächte der Uralten Metropole und die finsteren Gassen eines geheimnisvollen Londons greift er die Ideen zahlreicher Schriftsteller von Neuem auf und entführt sie in einer eigenwilligen Interpretation auf eine unvergleichliche Zeitreise. Jedoch erscheint die Ideenvielfalt des Autors an manchen Stellen des Romans zu aufdringlich. Besonders jüngere Leser werden Schwierigkeiten haben, dem ohnehin zeitweise verwirrenden Plot zwischen unvermittelt auftauchenden Gottheiten in Nadelstreifenanzügen, gefallenen Engeln und Kindern mit Spiegelscherbenaugen zu folgen.
Stilistisch legt Christoph Marzi mit "Lycidas" einen anspruchsvollen Fantasy- Roman vor. Der zunächst eigenwillige Schreibstil verlangt dem Leser einige Bereitschaft zur Umorientierung ab, lässt sich jedoch nach den ersten Seiten angenehm lesen. Zu Recht begeistert der Roman durch die Verwendung bildhafter Veranschaulichungen, die sowohl das London oberhalb der Erdoberfläche als auch jenes darunter in ein farbenprächtiges Meer aus Gassen, Türmen und Parks verwandeln, in das sich der Leser augenblicklich hineinversetzt fühlt. Die knappe Charakterisierung und die schnell aufeinander folgende Einführung der Hauptcharaktere sorgt zu Beginn für Verwirrung, weckt jedoch im Verlauf der fortschreitenden Handlung die Neugierde, der Bedeutung Emily Laings für die Geschichte auf die Spur zu kommen. Mit seinen 850 Seiten ist Lycidas ein Buch für Fantasiewelten- Bummler und Liebhaber von Sagengestalten, Mythologie und englischer Geschichte. Auf jeden Fall jedoch wird euch dieser Roman aufgrund seiner Lebendigkeit und der vielen Wendungen im Geschehen zum Staunen bringen. Klopft schon einmal die Kissen weich und bereitet euch auf ein Lesevergnügen bis tief in die Nacht vor!
(Christoph Marzi: Lycidas, Heyne 2004)




Für "Lycidas" von Christoph Marzi gibt es von den Helden vier Stracciatellafrösche von fünf.
(Rezension von Caro)
